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30 Juli 2016

Kleiner Inselausflug: Sardinien & Reykjavik

Liebe Leserinnen und Leser!

Hatte ich euch nicht zwei Inselbücher versprochen? Gerade habe ich über das eine Buch aus Sardinien auf einem Schriftstellertreffen in der italienischen Basilicata (westlich von Bari, nördlich von Apulien) gesprochen. Es ist ein privates Treffen, das aus dem Women's Fiction Festival in Matera hervorging und ursprünglich von meiner amerikanischen Agentin Christine Witthohn initiiert wurde. Wir sind eine internationale Gruppe, gesprochen wird hauptsächlich englisch, auch wenn Italienisch und Deutsch immer wieder am Rande mit einfließen. Wir diskutieren unsere Arbeiten, unsere erfundenen Figuren, strukturieren Handlungen - und es spielt keine Rolle, ob wir engen Genregrenzen unterliegen, wie sie z.B. für Romance oder Thriller gelten, oder ob wir Romane oder Biografien schreiben. Es sind wunderbare Tage (ja, natürlich mit großartigem Essen und Trinken!), in denen wir uns austauschen und für kurze Zeit nicht alleine arbeiten.

Nun aber zu den versprochenen Büchern!


http://www.lovelybooks.de/autor/Salvatore-Niffoi/Die-Legende-von-Redenta-Tiria-349125668-w/


Die Legende von Redenta Tiria

Roman von Salvatore Niffoi
Aus dem italienischen von Sigrid Vagt
Zsolnay, 2007
fester Einband, Seiten 176

In diesem wunderbaren Buch geht es chaotisch und blutig zu. Vor den Toren zum Nichts scheint in dem Dorf Abacrasta im wilden sardischen Hochland keine Macht zu schützen. Menschen werden von  einem Fluch in den Selbstmord hineingerufen und können nichts entgegen halten. Wiederstandslos hängen sich die Männer am Gürtel, die Frauen am Strick auf, nachdem sie vorher noch sorgsam den richtigen Baum, den passenden Balken, den stimmigsten Ort für ihren Exitus ausgewählt und vorbereitet haben.

Aufgelistet, bewahrt und erzählt werden die Biografien dieser Unglücklichen von Battì, dem Standesbeamten, der selbst an seinem unerfüllten Leben krankt. Es ist klar, dass die tödlichen Sirenengesänge ihn nicht verschonen werden. Als er seinen letzten Schutzwall von der tödlichen Stimme, das endlose Schreiben an einem Buch über seine Mitmenschen, zu verlieren glaubt, kreuzt Redenta Tiria rettend seinen Weg. Er gewinnt eine nie gekannte Lebensfreude als Rollstuhlfahrer und beendet die vorliegende Geschichtensammlung.

Mord und Todschlag, Vergewaltigung, Nötigung, Prügelei bis aufs Blut als gängige Erziehungsmethode, Erniedrigung und Diebstahl reihen sich ununterbrochen aneinander, Familien verdanken ihre Entstehung einem Kapitalverbrechen, ihr Fortkommen verbrecherischen Aktivitäten. Liebe um der Liebe willen kommt selten vor und endet auch fast immer tragisch. Geballtes Unglück und ein Fatum, das wirklich nur zum Aufhängen ermuntert, ist so nur in den griechischen Epen rund ums antike Atridengeschlecht beschrieben worden. Salvatore Niffoi jedoch gelingt damit das Kunststück eines schwarzhumorigen und warmherzigen Gesanges auf Hoffnung und Lebensfreude. Voller Leichtigkeit gewährt er uns Einblick in ein schreckliches Dorfleben mitten im Duft wilder Kräuter, umrahmt von steinigen Weiden und Schafskötel. Die Kargheit des Landes spiegelt sich in der Kargheit des menschlichen Miteinander.

Besonders interessant schafft Niffoi  den Übergang von Aberglaube und tradierten Riten in die Moderne, denn die Bauern verwenden natürlich technische Hilfsmittel, soweit es geht. Handy, Computer und Spiele der Stadtjugend finden ihren Platz genau so im schroffen Hochland. Der erste Eindruck, hier einer alten Geschichtensammlung aus längst vergangenen Tagen zu begegnen, verliert sich schnell.

Heilung passiert dem Dorf durch eine blinde Frau, die wie eine Fee auftaucht. Der Märchencharakter wird bewusst verstärkt. Redenta Tiria ist zur Stelle, wenn Selbstmord der einzige Ausweg scheint. Ihr Aufruf, nicht alles wegzuschmeißen, endlich mit echtem Leben anzufangen und sinnvoll zu existieren, hat leichten Heilscharakter. Aber wie in Märchen wirkt es auch hier überzeugend, ohne kitschig oder missionarisch zu sein.

Salvatore Niffoi, 1950 auf Sardinien geboren und dort auch als Lehrer tätig, hat in en letzten Jahren einige erstaunliche Bücher geschrieben, die nicht nur in Italien Furore machten. Denn Niffoi verwendet raffiniert alte literarische Formen und baut damit magisch bezaubernde Texte. Selbst die sardischen Satzfragmente, unübersetzbar, haben nicht den Touch gewollter Folklore. Witzig ist dieses Buch, obwohl die wirklich gute Übersetzerin Sigrid Vagt manchmal leicht bremsend wirkt. Aber das liegt nicht an ihr, denn Niffois Opulenz der Bilder, die Assoziationen zu Kirchenlatein und Lautmalerei sind schwer ins Deutsche zu übertragen.

Jede der Geschichten hat ihre spezielle Stärke, manche sind fast nicht überbietbar in ihrer Komik und gleichzeitigen Tragik. Eine höllisch gute Lektüre ist diese Legende nicht nur für Sardinien Fans oder Menschen, die ihren Urlaub dorthin planen und sich auf die Besonderheiten dieser Insel einstellen wollen.


Ganz anders - und trotzdem mit einem reichen Schatz an Überlieferungen und unglaublichen Vorgängen versehen ist Islands Literatur. Auch hier habe ich ein Buch ausgewählt, dass nicht das allerneueste ist, aber einen wichtigen Entwicklungsschritt in der Arbeit der Schriftstellerin darstellt, (genau so wie es bei S. Niffoi geschehen ist). Steindottír ist als Jugendbuchautorin zuerst bekannt geworden, "Eigene Wege" erschien dann 2006, wurde 2007 im Deutschen veröffentlicht und später, 2011, nochmals als Taschenbuch aufgelegt.



https://www.amazon.de/Eigene-Wege-Roman-Krist%C3%ADn-Steinsdóttir/dp/3423140402


Eigene Wege

Roman von Kirstín Steinsdóttir
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
C.H. Beck, 2009
gebundene Ausgabe, 127 Seiten

Siegtrud lebt als arme Witwe in Reykjavik und empfindet sich als beschenkt. Wie das funktioniert, wenn man nichts hat, wegen einer Missbildung zumindest in der Kindheit und Jugend ausgegrenzt war, ohne den Rückhalt einer Familie, das beschreibt Kristín Steinddóttir großartig reduziert, liebevoll genau, berührend und gekonnt.

Siegtrud pflegt eine beneidenswerte Zufriedenheit, hat einen Blick fürs kleine Glück und frei zugängliche Feste, verdankt wohl auch ihrer großartigen Ziehmutter diese Mischung aus Charakterstärke, Menschenkenntnis und der Gabe, Zauberhaftes und Schönheit überall zu entdecken.

Da sie nicht nur Zeitungen austrägt, sondern sie auch liest, ist sie über alle mit Buffet ausgestatteten Veranstaltungen informiert. Hinzu kommen die generös organisierten Begräbnisjausen, die der Heldin einen nicht urkomischen Einblick in die Gesellschaft gewähren.

Siegtrud weiß wenig über ihre Wurzeln, die Mutter, eine ledige Magd starb bei der Geburt, der Vater war ein wandernder Tagelöhner. Aber da gibt es den Koffer des Großvaters, eines Seemanns, einen Seidenschal und eine amtlich belegte Spur nach Frankreich. Dieses biografische Puzzle wird zum exotischen Anker. Als Pensionistin bricht Siegtrud zu einer bemerkenswerten Reise auf, lernt unverständliches Französisch, (warum es unverständlich ist, verrate ich nicht, aber es ist ein weiters komisches Detail!), stellt sich den Geistern ihrer Vergangenheit und entdeckt sich selbst in ihrer immer größer werdenden Welt. 

Mit viel Witz wird ein hartes Leben geschildert, die Einschübe aus der Sicht der Isländerin beschreiben gekonnt indirekt den Wechsel von bäuerlicher Existenz im Norden zur Städterin im Süden.

Steindóttirs Gabe, kindliche Erfahrung in poetischer und nie verkindlichender Sprache so präzise und einfühlsam darzustellen, macht dieses Buch zu einem Geschenk für Erwachsene, die eine Antwort auf die wichtigen Fragen suchen und dabei weder Ratgeber noch esoterische Pfad wünschen, sondern Literatur vom Feinsten.


Das nächste Mal erzähle ich von ein paar spannenden Familienromanen, für die man sich in Urlaubstagen und an warmen Sommerabenden unbedingt Zeit nehmen sollte.