Vorfreude auf eine Reise

Mein Romanmanuskript ist fertig und auf dem Weg zu den Verlagen. Es ist ein Gefühl von Befreiung, ich spüre – wie bei allen Romanen – dass mich die Figuren verlassen. Das ist ein gutes Zeichen, denn es bedeutet, dass ich tatsächlich alles Notwendige geschrieben habe, dass nichts mehr irritiert. Ich habe geschlafen, ohne von meinen Figuren zu träumen.
Mein Urlaub war schon vor zwei Jahren geplant, es sollte nach vielen Jahren wieder einmal in die USA gehen und es gab Einiges zu bedenken. Da Freunde besucht werden, gibt es Fixpunkte. Und da ich viel zeichnen werde, weil ich nächstes Jahr nicht nur eine Ausstellung in einer Wiener Innenstadtgalerie habe, sondern auch die Veröffentlichung eines Kunstbandes im Herbst vor mir liegt, freue ich mich nun auf die unterschiedlichen Orte und Menschen. Da ich in Boston lande, habe ich mir als erste Einstimmung Bücher aus Maine und weiter südlich ausgesucht.


Eines davon ist:

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Paul Harding: Tinkers
Harding ist ein junger US-Schriftsteller und dieser Roman bekam 2010 den Pulitzerpreis. Die Übersetzung von Silvia Morawetz ist wirklich gut, das Buch kam als Hardcover bei Luchterhand heraus.
Es spielt in Maine. George ist über 80 und stirbt gerade und alle seine Erinnerungen stürzen über ihn herein und vermischen sich mit Erinnerungen seines Vaters (echt, das funktioniert, wenn man so schreiben kann wie Harding!). Es geht eigentlich um die Kindheit Georges, dessen Vater als Kesselflicker unterwegs ist und dessen Mutter Kinder eigentlich nicht mag und sich selbst dafür nicht leiden kann und voller Verbitterung immerzu falsch reagiert. Vater Howard kommt eigentlich aus dem bürgerlichen Milieu, ist Epileptiker, was die Familie mit Schweigen quittiert und soll in ein Irrenhaus abgeschoben werden (Es sind die50-er Jahre!). Wunderbar poetische Stellen, auch über Uhren, (George hat so nebenher ein kleines Vermögen mit dem Restaurieren von alten Uhren angehäuft) unterbrechen immer wieder die Handlung. Es geht um Zeit und was von einem Leben wirklich übrig bleibt und welche Momente ein Gewicht bekommen haben am Ende eines Lebens. Es ist eine Geschichte über Sehnsucht, vergebliche Liebe, über Paare, die nicht zusammenleben sollten und über späte Entdeckungen. Ich war hingerissen, auch wenn es keine Lektüre für schnell zwischendurch ist.
Wen ich vor ca. einem halben Jahr entdeckte, das war Elizabeth Strout.
Ja, ich weiß, mittlerweile sind alle ihre Bücher übersetzt (gut übrigens) und jedes ist eine Fundgrube, wenn man Familiengeschichten und wunderbare Porträts über kleine Städte in Maine mag, in denen Einzelgänger und kuriose Typen versuchen, ein „normales“ Leben zu führen. Kein Wunder, dass Strout schon zwei Pulitzerpreise bekam und eines ihrer Bücher (Mit Blick aufs Meer) schon verfilmt wurde.
Ich kann jedes Buch empfehlen, aber ich glaube, ich würde mit dem Blick aufs Meer beginnen, auch wenn es nicht ihr erstes ist.

Noch jemanden habe ich für mich entdeckt:

https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/41TCo%2BfhcCL._SX312_BO1,204,203,200_.jpg

Wallace Stegner: Zeit der Geborgenheit (der englische Titel ist viel besser: Crossing to Safety) war mir ein großes Vergnügen. Es ist ein Buch voller grüner Farbtöne, weil es zu einem Großteil in den wilden Bergen Vermonts spielt oder im platten Mittelwesten der Staaten, wo es aber Wiesen und einen netten Fluss gibt.
ich kannte Stegner nicht bis jetzt. Er ist schon seit 20 Jahren tot und muss ein großer Mitbegründer der grünen Bewegung in den USA gewesen sein; kam aus einer armen Familie mit gewalttätigem Säufer als Vater, studierte, unterrichtete an diversen Unis, gehört offensichtlich zu den Größen der 70-er und 80-er Jahre und vorher. Jede menge an Schriftstellern hat bei ihm creative writing gelernt.
zur Geschichte:
ein junges Ehepaar verschlagts in diese kleine Unistadt im Mittleren Westen. Sie wohnen in einer Kellerwohnung, Sally ist schwanger, Larry schreibt neben seinen wissenschaftlichen Essays und der Uniarbeit an einem Roman, an den nur seine Frau glaubt.
Sie werden eingeladen zu einem jungen Dozenten und dessen Frau und eine lebenslange Freundschaft entwickelt sich zwischen den Vier, die zum Teil sehr unterschiedlich sind. Was das Wesen dieser Freundschaft ausmacht, beschreibt der Roman. Man könnte meinen, „na und? passiert auch was?“
Jja, es passiert einiges. Aber vor allem ist es ein Buch über Menschen, die zu echten Freunden geworden sind, egal, was passiert. Und das ist reichlich ungewöhnlich als Thema für einen modernen Roman. Abgesehen davon ist es wirklich toll geschrieben und vor allem für seine zwei Frauenfiguren hat der Mann ein Einfühlungsvermögen bewiesen, das ist sagenhaft.

Ich werde mich von unterwegs aus den Staaten melden und euch erzählen, was ich erlebe und welche Bücher ich finde. Es wird also kein Reiseführer!
Alles Liebe und Zeit für Bücher wünscht allen Beatrix

Kommentare

  1. Wow, hier hat sich ja einiges verändert! Ich liebe dieses kleine Bildchen, von wem ich lesen darf!

    Ich bin super gespannt, was mit deinem Manuskript passiert. Halte uns bitte lange auf dem Laufenden. Bitte auch jedes kleinste Detail. (;

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    1. Dankeschön, das freut uns zu hören. Wir sind schon genauso gespannt :)

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